Kartons auf Holzpaletten in einem Lager gestapelt.

Die Kartonage-Ausnahme und was sie für die Feuchtigkeit bedeutet

Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) verändert grundlegend, wie Transportverpackungen in der gesamten Europäischen Union gestaltet, eingesetzt und entsorgt werden. Zu ihren folgenreichsten Bestimmungen zählt Artikel 29, der verbindliche Mehrwegziele für Transportverpackungen festlegt. Ein weit verbreitetes Format bleibt von diesen Pflichten jedoch ausgenommen: der schlichte Karton.

Für Logistik- und Verpackungsverantwortliche, die Mehrwegverpackung gegen Karton abwägen, wirft diese Ausnahme eine strategische Frage auf, die über die reine Compliance hinausgeht und Materialleistung, Lieferkettenresilienz sowie Feuchtigkeitsbelastung während des Transports berührt.

Die Kartonage-Ausnahme der PPWR verstehen

Nach Artikel 29 der PPWR müssen Transportverpackungen, die zwischen Wirtschaftsakteuren eingesetzt werden, ein Mehrwegziel von 40 % bis 2030 und von 70 % bis 2040 erreichen. Diese PPWR-Mehrwegziele für Transportverpackungen erstrecken sich auf Paletten, Kisten, Kartons und vergleichbare B2B-Logistikformate. Verpackungen, die überwiegend aus Papier oder Karton bestehen, sind davon jedoch ausgenommen.

Begründet wird dies mit dem Recyclingprofil faserbasierter Materialien, die in Europa bereits hohe Sammel- und Recyclingquoten aufweisen. Aus regulatorischer Sicht gilt Karton damit standardmäßig als zirkuläres Material.

Für Verpackungsverantwortliche ist die Konsequenz erheblich. Unternehmen, die auf wiederverwendbare Transportverpackungen aus Kunststoff setzen, müssen in Tracking-Systeme, Rückführungslogistik, Reinigung und Pooling-Vereinbarungen investieren. Wer bei Karton bleibt, umgeht diese operative Komplexität.

Nach derzeitigem Informationsstand könnte diese Asymmetrie eine Verlagerung hin zu – oder ein Festhalten an – Einweg-Kartonformaten beschleunigen, insbesondere bei Organisationen, die den Weg des geringsten regulatorischen Widerstands suchen.

Gebrauchte, zusammengepresste Kartons zur Vorbereitung auf das

Der Druck zu höheren Recyclingfaseranteilen

Während Artikel 29 Karton von den Mehrwegzielen ausnimmt, wirken andere Teile des PPWR-Rahmens in eine andere Richtung. Anforderungen an das Design for Recycling (DfR) und weiter gefasste Nachhaltigkeitsverpflichtungen veranlassen Hersteller dazu, den Recyclingfaseranteil in Wellpappverpackungen zu erhöhen. Die Absicht ist sinnvoll: Ein geschlossener Faserkreislauf senkt den Bedarf an Frischzellstoff und reduziert den ökologischen Fußabdruck.

Der Zielkonflikt ist technischer Natur. Mit jedem Recyclingdurchlauf werden Zellulosefasern kürzer. Analysen zur Haltbarkeit von Recyclingfasern zeigen, dass kürzere Fasern schlechter binden, was Reißfestigkeit, Stapelverhalten und Formstabilität verringert. Auch das Feuchteverhalten von Recyclingkarton verändert sich: Kürzere Fasern nehmen tendenziell mehr Luftfeuchtigkeit auf, was die mechanischen Eigenschaften weiter beeinträchtigt.

Forschungsarbeiten zu Feuchtigkeitseffekten bei recycelter Wellpappe bestätigen, dass die Stauchfestigkeit mit steigender relativer Luftfeuchtigkeit messbar abnehmen kann – ein Effekt, den ein hoher Recyclinganteil verstärkt. Beim Transit durch wechselnde Klimazonen kann das zu eingestürzten Stapeln, beschädigten Primärverpackungen und geschädigter Ware bei Ankunft führen.

Warum Herkunft und Qualität importierter Kartonagen zählen

Eine zweite Variable wird im Einkauf häufig übersehen: die Herkunft des Kartons. Die Qualität importierter Kartonagen, die EU-Einkäufer erhalten, kann je nach Herkunftsregion erheblich schwanken.

Nach der operativen Erfahrung von Absortech weist in Europa produzierter Karton – etwa Karton auf Basis von schwedischem Kraftpapier – in der Regel eine höhere und gleichmäßigere Faserlänge sowie ein besser vorhersehbares Feuchteverhalten auf.

Karton aus bestimmten asiatischen Märkten erfüllt zwar häufig die Grundspezifikationen, kann aber größere Schwankungen bei Faserqualität und Recyclinganteil zeigen.

Für EU-Importeure, die im Ursprungsland verpackte Fertigwaren erhalten, kann der Karton, der eingehende Sendungen schützt, bereits ein anderes Feuchteprofil aufweisen als vergleichbare europäische Ware. In Verbindung mit steigenden Recyclingfaseranteilen entlang der globalen Lieferbasis entsteht so eine größere Varianz im Verhalten der Verpackung unter feuchten Transportbedingungen.

Nahaufnahme von gerolltem Verpackungsmaterial aus Wellpappe.

Die Feuchtigkeitsdimension bei der Entscheidung zwischen Mehrwegverpackung und Karton

Feuchtigkeit ist kein Randthema. Container auf Seereisen durchlaufen regelmäßig Kondensationszyklen, ausgelöst durch Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sowie zwischen Klimazonen. Längere Seereisen führen durch mehrere Klimazonen und erhöhen das Feuchterisiko über die reine Transportdauer hinaus.

Auch das Klima beim Beladen beeinflusst die im Container eingeschlossene Luft sowie die Feuchtigkeit, die Ware und Verpackungsmaterialien bereits vor dem Beladen aufgenommen haben. Der Auslastungsgrad, also der freie Luftraum in der Ladeeinheit, wirkt sich zusätzlich darauf aus, wie der Karton „atmet“ und wie sich Feuchtigkeit während des Transports umverteilt.

Karton ist hygroskopisch und damit aktiver Teil dieser Dynamik. Ein höherer Recyclinganteil erhöht die Feuchtigkeitsaufnahme, und diese Aufnahme senkt die Stauchfestigkeit genau dann, wenn die Stapellasten am höchsten sind. Karton zu wählen, um die PPWR-Mehrwegpflichten zu umgehen, ist deshalb aus Sicht des Produktschutzes keine neutrale Entscheidung.

Zu prüfende Faktoren

  • Recyclingfaseranteil der für Exportverpackungen eingesetzten Wellpappe.
  • Herkunft der Kartonlieferungen und Konsistenz der eingehenden Spezifikationen.
  • Typisches Routenprofil, einschließlich durchquerter Klimazonen und Reisedauer.
  • Stapelkonfiguration und Auslastungsgrad innerhalb der Ladeeinheit.
  • Bestehende Feuchteschutzmaßnahmen, etwa leistungsstarke CaCl2-Trockenmittel, und die Frage, ob deren Dimensionierung noch zum veränderten Materialprofil passt.

Das sind zentrale Variablen, keine abschließende Liste – sie erfassen aber den Kern der Abwägung.

Die Rolle von Trockenmitteln und eine offene Auslegungsfrage

Maßgeschneiderter Schutz durch präzise entwickelte Trockenmittel dient seit Langem als umfassende Präventionsstrategie für hygroskopische Verpackungen im internationalen Frachtverkehr. Leistungsstarke CaCl₂-Trockenmittel bieten für Dimensionierungszwecke bis zu 150 % Feuchtigkeitsaufnahmekapazität pro Gewichtseinheit – deutlich mehr als leistungsschwache Alternativen wie Silicagel und Ton. Das ist besonders dort relevant, wo Verpackungsminimierung und Gewichtsreduktion ebenfalls regulatorische Prioritäten sind.

Wie Trockenmittel und andere Schutzeinlagen im PPWR-Rahmen eingeordnet werden, bleibt allerdings eine offene Frage. Nach derzeitiger Auslegung wird die Einstufung durch nachfolgende delegierte Rechtsakte und Durchführungsrechtsakte präzisiert, die üblicherweise zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung in Kraft treten.

Bis dahin sollten Verpackungsteams die Planung des Feuchteschutzes als parallelen Arbeitsstrang zur PPWR-Compliance behandeln.

Fazit: eine ausgewogene Sicht für Verpackungsverantwortliche

Die Kartonage-Ausnahme der PPWR bietet einen legitimen Weg, die Komplexität einer Mehrweginfrastruktur zu vermeiden. Sie beseitigt jedoch nicht die technischen Realitäten faserbasierter Verpackungen im feuchten Transit – und der parallele Druck zu höheren Recyclinganteilen verschärft diese Realitäten. Die Schwankungsbreite bei der Qualität importierter Kartonagen, die EU-Importeure erleben, kommt als weitere Überlegung hinzu.

Logistik- und Verpackungsverantwortliche profitieren davon, Materialwahl und Feuchtigkeitsbelastung gemeinsam statt isoliert zu bewerten. Die Expertenberatung von Absortech unterstützt diese Bewertung und hilft Organisationen zu verstehen, wie sich ihr Verpackungsportfolio über Routen, Klimazonen und Lieferquellen hinweg verhält.

Um zu besprechen, wie sich diese Zusammenhänge auf eine konkrete Lieferkette auswirken, ist das Absortech-Team über das Kontaktformular erreichbar; laufende Analysen werden über den Absortech-Newsletter geteilt.

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